KINDERSEELE

Mein viertes Buch meiner zehn Schätze für die Fastenzeit ist „Kinderseele“ von Hermann Hesse.

Es ist ein kleines, feines Buch in einer wirklich schönen Sprache.

Hier ein paar Zeilen – obwohl ich eigentlich nicht mehr dazusagen möchte als, dass es für jedermann schön zu lesen ist: eine Stunde Zeit nehmen und in die Welt eines Kindes eintauchen – was will man mehr.

„Jedenfalls aber, es komme wie es möge, lag wieder eine Wartezeit vor mir. Noch länger mußte ich die Angst ertragen, noch länger mit meinem Geheimnis herumgehen, vor jedem Blick und Schritt im Haus zittern und niemand ins Gesicht sehen können. 

Oder war es am Ende möglich, daß mein Diebstahl gar nicht bemerkt wurde? Daß alles blieb, wie es war? Daß ich mir alle diese Angst und Pein vergebens gemacht hatte? – Oh, wenn das geschehen sollte, wenn dies Unausdenkliche, Wundervolle möglich war, dann wollte ich ein ganz neues Leben beginnen, dann wollte ich Gott danken und mich dadurch würdig zeigen, daß ich Stunde für Stunde ganz rein und fleckenlos lebte!

Was ich schon früher versucht hatte und was mir mißglückt war, jetzt würde es gelingen, jetzt waren mein Vorsatz und Wille stark genug, jetzt nach diesem Elend, dieser Hölle voll Qual! Mein ganzes Wesen bemächtige sich dieses Wunschgedankens und sog sich inbrünstig daran fest. Trost regnete vom Himmel, Zukunft tat sich blau sonnig auf. In diesen Phantasien schlief ich endlich ein und schlief unbeschwert die ganze, gute Nacht hindurch.“

Kinderseele

 

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